
Ausgabe vom Dienstag, 27. Juli 2010
Krank nicht "irre"
 Liebe Leserin, lieber Leser,
vergangene Woche scheiterte eine Lehrerin in Vechta mit Ihrer Unterlassungsklage gegen eine Schülerin, die verdächtigt wurde, einen Hasen an die Tafel gemalt zu haben. Der Schülerin sollte verboten werden, die lustigen Mümmelmänner an Tafeln zu malen. Die Boulevard-Medien sprachen vom "irrsten Prozess des Jahres" und versuchten die Angelegenheit ins Lächerliche zu ziehen. Tatsächlich ist die Lehrerin aber krank. Sie hat eine Phobie und das ist nicht ungewöhnlich. In einer Firma für die ich 1988 arbeitete, saß der Chef in der ehemaligen Pförtnerloge gleich neben dem Eingang und nicht in der obersten Etage wo die Türen gepolstert, die Möbel aus dem Bauhaus und die Teppiche tief sind. Er habe Höhenangst, erklärte er ganz offen. Der Lehrerin fehlt diese Souveränität. Sie gesteht sich ihre Angst nicht ein. Nun schütteln viele über die "Irre" den Kopf. Das müsste nicht sein, hätte ihr Vorgesetzter die 2 Tipps aus meinem heutigen Chefletter berücksichtigt.
Ihr
Dr. Marc-Wilhelm Kohfink
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 So kommunizieren Sie als Chef effizient und stilsicher:
Zeigen Sie Fingerspitzengefühl
 Ihre Aufgabe als Chef besteht darin, Ängste und Phobien Ihrer Mitarbeiter möglichst früher als die Kollegen (oder Schüler) zu erkennen. Sonst besteht die Gefahr, dass der Betroffene zur Zielscheibe von Spott und bösen Witzen wird. Dabei spielt es überhaupt keine Rolle, ob die Ängste objektiv betrachtet wirklich berechtigt sind oder nicht. Für den Betreffenden ist die Angst real. Er nimmt die Angst anders wahr und handelt anders als jemand, der keine Angst (vor Hasen oder vor Höhen) hat. Das verlangt von Ihnen Sensibilität, Verständnis und Fingerspitzengefühl.
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Weisen Sie dem Betroffenen Auswege aus seiner Angst
 Sprechen Sie den Betreffenden vorsichtig auf seine Angst an, aber nehmen Sie das ängstigende Ereignis nicht in den Mund. Angenommen, Sie wären der Rektor, dann sprechen Sie nicht von "Hasen" sondern lieber von dem "Vorfall" oder dem "Tafelbild". Fordern Sie den Betroffenen auf, sich seinen Ängsten zu stellen und eine Therapie zu machen. Dabei kommt üblicherweise eine Konfrontationsbehandlung zum Einsatz: Der Patient wird auf einen Schlag mit einer ganzen Heerschar von Hasen konfrontiert! Bei der abgestuften
Version wird dem Patienten ein Hasen-Bild gezeigt, dann eventuell ein Hasenstall. In einem nächsten Schritt würde der Stall geöffnet, anschließend vielleicht das Tier gestreichelt.
Wichtig: Der Patient muss sich seiner Angst stellen! Nur dann sind die Erfolgsaussichten einer derartigen Behandlung gut. Wenn der Betroffene motiviert ist, reichen 2 bis 3 Sitzungen aus.
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