28. Januar 2010

Liebe Leserin, lieber Leser,

sprichwörtlich nach Canossa gehen, das will sicher keiner von uns. Denn das bedeutet, wir unterwerfen uns einer Sache bedingungslos oder wir bitten demutsvoll um etwas - beides kann sehr unangenehm werden. Zurück geht diese Redewendung auf den historischen Gang nach Canossa, den der deutsche Kaiser Heinrich IV. antrat. Heute erfahren Sie, was es damit auf sich hatte und wie „Canossa“ zum feststehenden Ausdruck für einen Bittgang wurde.

Viel Freude beim Lesen!

 

Ihre

Dunja Herrmann
Redakteurin Täglich durchblicken


 
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   Was ist der Gang nach Canossa?

Barfuß erschien König Heinrich IV. am 25. Januar 1077 vor den Burgmauern im toskanischen Canossa. Er bat damit den Papst nach einem langen Streit darum, wieder in die Kirche zurückkehren zu dürfen.

Der Auslöser: Im so genannten „Investiturstreit“ stritten sich Päpste und Könige unter anderem um das Recht auf Investitur (= die Amtseinsetzung von Bischöfen und Äbten). Der Kauf und Verkauf von Kirchenämtern war ein gutes Geschäft: Wer Geld besaß, der hatte gute Chancen auf ein Amt. Ein Höhepunkt dieses Machtkampfes war die Auseinandersetzung 1075 zwischen dem deutschen König Heinrich IV. und Papst Gregor VII. Der König hatte den Papst provoziert, indem er einen mit dem Bann belegten Erzbischof eingesetzt hatte und später auch weitere Bischöfe einberief. Außerdem hatte Heinrich IV. dem Papst in einem Brief befohlen, sein Amt niederzulegen. Gregor VII. antwortete prompt auf diese unerhörte Forderung: Er verbot Heinrich IV. die Herrschaft über das römisch-deutsche Reich und belegte ihn mit dem Kirchenbann. Diesem folgte die Exkommunikation – seine Ausgrenzung aus der Kirchengemeinschaft.

Heinrich IV. reagierte sofort. Er nahm seine Forderung, den Papst abzusetzen, zurück. Und er erklärte sich bereit, sich dem päpstlichen Urteil zu unterwerfen. Er ging im Januar 1077 mit seiner Frau und seinem kleinen Sohn den mühsamen Weg von Speyer über die verschneiten Alpen Richtung Papst. Der war gerade auf dem Weg nach Augsburg. Doch nun erfuhr er von Heinrichs Eintreffen in Italien. Aus Angst vor einem Angriff des Königs – der Papst wusste schließlich nichts über dessen Absichten – floh das kirchliche Oberhaupt auf die Burg von Canossa. Dort bat also Heinrich IV. vom 25. bis zum 28. Januar hungernd im Bußgewand um Vergebung, bis der Papst ihn mit seinem Segen erlöste.

Übrigens: Der deutsche Reichskanzler Otto von Bismarck prägte 1872 in einer Rede vor dem Reichstag den Begriff „Gang nach Canossa“ als Ausdruck für einen demutsvollen Bittgang. Zu einem Problem mit der katholischen Kirche, die den deutschen Gesandten im Vatikan ablehnte, erklärte er vor den Abgeordneten: „Seien Sie außer Sorge, nach Canossa gehen wir nicht – weder körperlich noch geistig.“


 
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