Sport und Training
1 1 1 1 1 1 Newsletter vom Donnerstag, 29. Juli 2010   1 1 1 1
Sport und Training
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Liebe Leserin, lieber Leser,

wie bereits in der letzten Woche angekündigt, werden Sie heute in den praktischen Teil der Anthropometrie, der "Vermessung des Körpers", unter biomechanischen Aspekten und Diagnosen eingeführt. Ausgangspunkt war die Überlegung, ob  ein spezieller Körperbau ausschlaggebend für den Erfolg in bestimmten Disziplinen oder Sportarten ist. Ein Gedanke, der v. a. in der Talentsichtung von großem Interesse sein kann!

Die Frage nach der individuellen Idealsportart aufgrund des eigenen Körperbaus kann natürlich nicht en Detail beantwortet werden (s. Newsletter vom 22. Juli 2010); ich werde Ihnen allerdings weiterführende Tipps mit auf den Weg geben!

Zudem erfahren Sie in der heutigen Ausgabe von Sport und Training weekly, wie sich Hormone auf den Körperbau auswirken.

Viel Spaß beim Messen und Trainieren!

Mit freundlichen Grüßen

Jessica Beeken
Chefredakteurin Sport und Training weekly

Im Wasser, auf dem Rad und beim Laufen

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Lernen Sie Messen!

Die gängigen Messverfahren der Anthropometrie basieren auf standardisierten Referenzpunkten des menschlichen Körpers. Mit deren Hilfe soll der menschliche Körper morphologisch und quantitativ in den Proportionen beschrieben werden. Um die Veränderung der Messwerte im Verlauf des Trainings verfolgen zu können oder um Gruppen von Sportlern miteinander vergleichen zu können, müssen die Messmethoden objektiv und reproduzierbar sein. Wenn Sie nun Messungen durchführen möchten, sollten Sie vor allem Daten zu den folgenden klassischen Merkmalen gewinnen:

  • zur Körperhöhe
  • zum Körpergewicht
  • zu den Extremitätenlängen
  • zur Rumpfbreite und -länge
  • zum jeweiligen Umfang
  • zur Hautfaltendicke.

Daraus lassen sich dann die Körperbaumerkmale Ihrer Sportler bestimmen, so dass Aussagen zu den Proportionen und Dimensionen des Körpers möglich werden.

Lernen Sie messen!

Umfangsmessungen könnnen Aufschlüsse über trainingsbedingte Entwicklungen geben und sind interessante Messwerte, die Sie als Trainer bei Ihren Sportlern erheben können.
Aus diesem Grund stellen wir Ihnen die wichtigsten Faktoren für eine Umfangsmessung vor: Vor allem im Längsschnitt können Sie Veränderungen Ihrer Sportler protokollieren und analysieren. Dazu ergeben sich aus vergleichenden Messungen noch Verhältnismaße für bestimmte Körperregionen. Es kann z. B. interessant sein, den Oberschenkelumfang, Wadenumfang und Unterschenkelumfang im proportionalen Verhältnis zueinander zu betrachten. Vor allem Tretbewegungen auf dem Rad mit falschem Belastungszyklus können dazu führen, dass Waden oder Oberschenkel zu stark belastet werden. Im Anschluss an eine Biometrie kann ein gezieltes Trainieren schwächer ausgeprägter Partien dann Sinn machen. Ein wichtiges Maß ist der jeweilige Umfang von Brust, Oberarm, Unterarm, Becken, Taille, Oberschenkel, Wade und Unterschenkel:


Die wichtigsten Messpunkte

Der Brustkorbumfang: Gemessen wird in Atemmittelstellung und bei maximaler Ein- bzw. Ausatmung. Das Maßband wird unterhalb des unteren Schulterblattwinkels angelegt und in der Achselhöhle nach vorne geführt. Auf der Vorderseite läuft das Maßband über die Brustwarzen. Die Arme hängen seitlich locker herab.

Der Oberschenkelumfang: Das Maßband wird 20 cm oberhalb der Kniescheibe waagerecht um das Bein herumgelegt. Das Gewicht sollte gleichmäßig auf beiden Füßen liegen.

Die Wadenmuskulatur: Die Messung erfolgt horizontal um den dicksten Punkt der Wade.

Der Unterschenkelumfang: Die Messung erfolgt auch hier horizontal um die kleinste Stelle des Unterschenkels.

Die nebenstehende Abbildung zeigt zudem noch weitere aussagekräftige Messpunkte.


Die Konstitutionstypen

Innerhalb der Sportanthropologie entwickelten sich vielfältige Muster, um Menschen anhand spezifischer Körperbaumerkmale einteilen zu können. Dabei gibt es 3- oder 4-polare Modelle, bei denen jeweils Extremtypen die Grenzen bilden. Je nach dem Ausprägungsgrad der unterschiedlichen Merkmale lassen sich Untertypen bilden. Die jeweiligen Untertypen wiederum lassen sich mit den durchschnittlichen Werten von verschiedenen Sportarten in Zusammenhang bringen. Die Anthropologie versucht also, typische Ausprägungen des Körperbaus für Sportler einer Sportart zu bestimmen. So wird die Analyse der körperlichen Voraussetzungen eines Sportlers ermöglicht, um beispielsweise spezielle Akzente im Training setzen zu können. Einem etwas kräftiger gebauten Radfahrer, der mit seiner Leistungsentwicklung nicht zufrieden ist, könnte man auf der Basis solcher Untersuchungen empfehlen, sich auf ein spezielles Sprinttraining zu konzentrieren. Andersherum sollte ein leichter Sportler, der Probleme im Spurt hat, sein Training auf die Berge ausrichten. Auch wenn diese Beispiele sehr simpel zu sein scheinen, kommen in der Sportpraxis genau diese Fragen auf! Wir wollen Ihnen hier ein Modell aus der Vielzahl von Theorien und Methoden vorstellen, mit dessen Hilfe Sporttypen kategorisiert werden. Für weitere Modelle und spezifischere Informationen sei dem interessierten Leser das Buch „Sportanthropologie“ empfohlen.

Auf Basis der 3 Subtypen „mesomorph“, „endomorph“ und „ektomorph“ (s. nachfolgende Abbildung und Newsletter vom 22. Juli 2010) nach Sheldon entwickelte Parnell die Einteilung in weitere Untertypen. Dabei können die jeweiligen Komponenten unterschiedlich stark ausgeprägt sein.


 

  • die Leptomorphen / Ektomorphen (geringes Dickenwachstum, überdurchschnittliches Längenwachstum)
  • die Athletiker / Mesomorphen (breitschultrig und schmalhüftig, grober Knochenbau und kräftiges Muskelrelief)
  • die Pyknomorphen / Endomorphen (neigen zu Fettansatz, rundlich und gedrungen)

 

 



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So wirken Hormone auf den Körperbau

Im Zusammenhang mit den verschiedenen Konstitutionstypen gibt es einen Erklärungsansatz, der insbesondere für die Übertragung auf die Diskussion zu Sport und sportlichem Talent interessant erscheint. Grundsätzlich werden viele Bezugspunkte der Körpermaße, aber auch der Leistungsfähigkeit durch Hormone beeinflusst. Aufgrund der Bedeutung der hormonellen Regelung für den Stoffwechsel und damit für die Leistungsfähigkeit und die Körperzusammensetzung lassen sich Rückschlüsse auf die sportliche Eignung ziehen. Gerade Sexualhormone wie das Testosteron oder die Östrogene haben Einfluss auf die Körperzusammensetzung, den Körperbau und die Leistungsfähigkeit. Ähnliches kann auch dem aus der Nebenierenrinde stammenden Hormon Cortisol und dem am Stoffwechsel beteiligten Schilddrüsenhormon Trijodthyronin zugeschrieben werden. Somit wird der Körperbau eines Menschen auch durch die Verteilung von auf Hormone reagierenden Rezeptoren und die Hormonkonzentration im Blut beeinflusst. Andersherum ergibt sich aus der Hormonverteilung auch eine spezifische Eignung für die sportliche Leistungsfähigkeit. Das zeigt sich auch daran, dass sämtliche genannten Hormone zur Leistungssteigerung missbraucht werden. Also können sowohl das Erscheinungsbild als auch die Fähigkeit zur Toleranz von Ausdauer- oder Kraftbeanspruchungen mit hormonellen Vorgängen erklärt werden. Gerade dieses Feld der Anthropologie bietet interessante Informationen für Trainer. Es stellt sich beispielsweise die Frage, inwiefern das Training auf spezielle und natürliche Hormonsituationen ausgerichtet werden kann. Ein erhöhter Cortisolspiegel beispielsweise ist beim Muskelaufbautraining eher hinderlich. Das Ausdauertraining und die Energiebereitstellung unter Belastung können hingegen positiv beeinflusst werden. Möglicherweise kann so ein individuelles Training vielversprechend geplant werden. Gleichzeitig muss ein Forschungsschwerpunkt der Zukunft auch auf der trainingsbedingten Veränderung der Hormonkonzentrationen liegen.


Aufgaben und Chancen der Anthropologie

Die Anthropologie, also die "Wissenschaft vom Menschen" und ihre Disziplinen haben weitere wichtige Aufgaben zu erfüllen. Vor allem in der Prävention von Erkrankungen sind Einsatzmöglichkeiten auszumachen. Man sollte sich einmal vor Augen führen, dass der Bewegungsapparat bei Langzeitübungen wie beim Laufen enormen Belastungen ausgesetzt ist, denn er muss bei jedem Schritt das 2- bis 3-fache des eigenen Körpergewichts abfangen und dann wieder beschleunigen. Die Kräfte, die bei einem langen Lauf wie einem Marathon auf den Körper einwirken, können also die 500-kg-Grenze schnell überschreiten. Ähnliches gilt für Radfahrer und Triathleten, die in einer falschen Position auf dem Fahrrad sitzen. Auch hierbei können Fehlbelastungen über lange Zeit zu Problemen – vorwiegend an den Bandscheiben oder im Gelenkbereich der Knie und der Hüfte – führen. Die Biometrie als ein Teilbereich der Anthropologie kann hier versuchen, präventiv Fehlbelastungen aufzudecken und wenn möglich zu mindern. Während sich Fehlstellungen am Fuß durch geeignete Schuhformen oder Einlagen korrigieren lassen, ist das bei stark ausgeprägter O- oder X-Beinstellung nur schwer möglich. Im Extremfall kann sogar der Verzicht auf lange Belastungen oder das Umsteigen auf weniger belastende Sportarten notwendig sein. Achten Sie immer auf Ihre Achsstellung während der Belastung und scheuen Sie sich nicht, im Zweifel beim Experten nachzufragen! Neben der Achsstellung sollten unter Belastung auch die Symmetrie der Bewegung und die der Kraftverteilung berücksichtigt werden. Moderne Verfahren mit Kraftmesssohlen und kombinierten Videoanalysen sind wichtige Bestandteile, um das Risiko von langfristigen Schäden orthopädischer Art ausschließen zu können.

Abgesehen vom rein wissenschaftlichen Interesse haben sich anthropologische Verfahren in der Sportpraxis bislang nicht durchgesetzt. Hobby- und Freizeitsportler nehmen andere sportwissenschaftliche Dienstleistungen wie die Leistungsdiagnostik oder auch die wissenschaftliche Trainingsanalyse und -beratung in Anspruch. Zukünftig kann hier die Sportanthropologie mit den Unterdisziplinen der Anthropometrie und der Biometrie sicher an Bedeutung gewinnen. Vor allem, wenn es darum geht, die Technik zu optimieren, Verletzungen und Überlastungen vorzubeugen und die Sitzpositionen auf dem Rad zu optimieren ist hier ein neues Einsatzgebiet entdeckt worden, von dem Sie als Sportler profitieren können.


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